E I N S S E I N   M I T   G O T T 
F a c e t t e n   d e r   M y s t i k

Angelus Silesius
(1624 - 1677)


Gliederung:
1. Gott und Gottheit
2. Die Vereinigung mit Gott
3. Der Weg zu Gott

    a) Gott im Menschen
    b) Aufgabe des Eigenwillens
    c) Schweigen
    d) Anstrengungslosigkeit
    e) Gelassenheit

Alle folgenden Zitate aus: Angelus Silesius und Gnädinger (1986)


1. Gott und Gottheit

1, 15. Die Über-Gottheit
Was man von Gott gesagt, das gnüget mir noch nicht,
Die Über-Gottheit ist mein Leben und mein Licht.

1, 115. Du selbst musst Sonne sein
Ich selbst muss Sonne sein, ich muss mit meinen Strahlen
Das farbenlose Meer der ganzen Gottheit malen.

1, 7. Man muss noch über Gott
Wo ist mein Aufenthalt? Wo ich und du nicht stehen.
Wo ist mein letztes End, in welches ich soll gehen?
Da, wo man keines findt. Wo soll ich denn nun hin?
Ich muss noch über Gott in eine Wüste ziehn.


2. Die Vereinigung mit Gott

1, 6. Du musst, was Gott ist, sei
Soll ich mein letztes End und ersten Anfang finden,
So muss ich mich in Gott und Gott in mir ergründen
Und werden das, was er: ich muss ein Schein im Schein,
Ich muss ein Wort im Wort, ein Gott in Gotte sein.

1, 72. Wie sieht man Gott
Gott wohnt in einem Licht, zu dem die Bahn gebricht;
Wer es nicht selber wird, der sieht ihn ewig nicht.

1, 285. Das Erkennende muss das Erkannte werden
In Gott wird nichts erkannt: er ist ein einig Ein,
Was man in ihm erkennt, das muss man selber sein.

2, 46. Wer Gott ist, sieht Gott
Weil ich das wahre Licht, so wie es ist, soll sehn,
So muss ichs selber sein, sonst kann es nicht geschehn.

2, 30. Zufall und Wesen
Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

6, 263. Beschluss
Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.


3. Der Weg zu Gott

2, 255. Fünf Staffeln sind in Gott
Fünf Staffeln sind in Gott: Knecht, Freund, Sohn, Braut, Gemahl;Wer weiter kommt, verwird und weiß nichts mehr von Zahl.

2, 220. Wachen, Fasten, Beten
Drei Werke muss man tun, wenn man vor Gott will treten;
Er fordert sonst auch nichts als Wachen, Fasten, Beten.

a) Gott im Menschen

1, 82. Der Himmel ist in dir
Halt an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir;
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

1, 298. Das Himmelreich ist inwendig in uns
Christ mein, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir;
Was suchst du ihn dann erst bei eines andern Tür?

1, 55. Der Brunnquell ist in uns
Du darfst zu Gott nicht schrein, der Brunnquell ist in dir;
Stopfst du den Ausgang nicht, er fließet für und für.

1, 23. Die geistliche Maria
Ich muss Maria sein und Gott aus mir gebären,
Soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren.

1, 61. In dir muss Gott geboren werden
Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.

b) Aufgabe des Eigenwillens

1, 138. Je mehr du aus, je mehr Gott ein
Je mehr du dich aus dir kannst austun und entgießen,
Je mehr muss Gott in dich mit seiner Gottheit fließen.

1, 279. Die Ichheit schafft nichts
Mit Ichheit suchest du bald die bald jene Sachen;
Ach ließest dus doch Gott nach seinem Willen machen.

1, 281. Seine Gebote sind nicht schwer
Mensch, lebest du in Gott und stirbest deinem Willen,
So ist dir nichts so leicht, als sein Gebot erfüllen.

1, 76. Nichts wollen macht Gott gleich
Gott ist die ewge Ruh, weil er nichts sucht noch will;
Willst du ingleichen nichts, so bist du eben viel.

c) Schweigen

1, 240. Das stillschweigende Gebet
Gott ist so über alls, dass man nichts sprechen kann:
Drum betest du ihn auch mit Schweigen besser an.

1, 299. Mit Schweigen hört man
Das Wort schallt mehr in dir als in des andern Munde;
So du ihm schweigen kannst, so hörst du es zur Stunde.

2, 19. Das Höchste ist stille sein
Geschäftig sein ist gut, viel besser aber beten;
Noch besser: Stumm und still vor Gott, den Herren, treten.

2, 68. Mit Schweigen wirds gesprochen
Mensch, so du willst das Sein der Ewigkeit aussprechen,
So musst du dich zuvor des Redens ganz entbrechen.

d) Anstrengungslosigkeit

1, 53. Die Tugend sitzt in Ruh
Mensch, wo du Tugend wirkst mit Arbeit und mit Müh,
So hast du sie noch nicht, du kriegest noch um sie.

1, 25. Gott ergreift man nicht
Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier:
Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.

2, 132. Gottes Eigenschaft
Was ist Gotts Eigenschaft? Sich ins Geschöpf ergießen,
Allzeit derselbe sein; nichts haben, wollen, wissen.

e) Gelassenheit

1, 44. Das Etwas muss man lassen
Mensch, so du etwas liebst, so liebst du nichts fürwahr.
Gott ist nicht dies und das, drum lass das Etwas gar.

2, 92. Die geheimste Gelassenheit
Gelassenheit fängt Gott; Gott aber selbst zu lassen,
Ist ein Gelassenheit, die wenig Menschen fassen.


Alle obigen Zitate aus: Angelus Silesius und Gnädinger (1986)