E I N S S E I N    M I T    G O T T                                                                                                                                                                                               F a c e t t e n    d e r     M y s t i k                                                                                        
  

Texte von Mystikerinnen und Mystikern aus den verschiedenen Weltreligionen

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Gott ist drinnen, wir aber sind draußen.
(Meister Eckhart)


Unter Mystik versteht man im Allgemeinen einen spirituellen Weg, dessen Ziel die unmittelbare Erfahrung des Göttlichen bis hin zur völligen Vereinigung mit (einem personal oder apersonal gedachten) Gott in unserem eigenen Inneren ist – und zwar schon im diesseitigen Leben.
Vergleicht man die Aussagen der Mystikerinnen und Mystiker aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen und den verschiedensten Zeiträumen, so fällt auf, dass sich diese sowohl in der Schilderung ihrer unmittelbaren Erfahrungen als auch in den Anleitungen für den spirituellen Weg dorthin in erstaunlicher Weise ähneln, auch wenn sie natürlich in die jeweiligen kulturellen Hintergründe eingebettet sind.
Das Anliegen dieser Webseite ist es, die Vielfältigkeit und insbesondere die Gemeinsamkeiten des umfangreichen mystischen Gedankengutes darzustellen - dazu werden Texte von Mystikerinnen und Mystikern aus verschiedenen Weltreligionen und aus unterschiedlichen Zeitaltern zitiert.
 Es wird deutlich, dass die Aussagen der meisten Mystikerinnen und Mystiker im Grunde den gleichen Kern enthalten. Und so liegt der Schluss nahe, dass sie alle aus derselben inneren Quelle schöpfen und mit ihr in Beziehung treten - womit sich die Mystik auch als das Verbindende zwischen den Weltreligionen, als tiefster Urgrund aller Spiritualität herausstellt.

 

 

Der Fromme von morgen wird ein „Mystiker“ sein, einer, der etwas „erfahren“ hat, oder er wird nicht mehr sein.
(Karl Rahner)
(Rahner 1966, S. 11-31)

In der Mystik geht es nicht darum, mit Gott eins zu werden. Es geht darum, in der Erfahrung, sich der schon bestehenden Einheit inne zu werden. Diese schon bestehende Einheit leuchtet in der Erfahrung auf. Der Mystiker erreicht also nicht die Einheit, sondern es wird ihm das Innewerden der immer gegenwärtigen Einheit geschenkt.“
(Willigis Jäger)
(Jäger 2015, S. 93)

 „Nichts kann überraschender sein, als die Übereinstimmung der jene Lehren [der Mystik] vortragenden Schriftsteller untereinander, bei der allergrößten Verschiedenheit ihrer Zeitalter, Länder und Religionen, begleitet von der felsenfesten Sicherheit und innigen Zuversicht, mit der sie den Bestand ihrer inneren Erfahrung vortragen. Sie bilden nicht etwa eine Sekte, die ein theoretisch beliebtes und einmal ergriffenes Dogma festhält, verteidigt und fortpflanzt; vielmehr wissen sie meistenteils nicht voneinander; ja, die Indischen, Christlichen, Mohammedanischen Mystiker, Quietisten und Asketen sind sich in Allem heterogen, nur nicht im Inneren Sinn und Geiste ihrer Lehren.“
(Arthur Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung, Band 2)
(Schopenhauer 1972b, S. 704 f.)

„So viele Übereinstimmung, bei so verschiedenen Zeiten und Völkern, ist ein faktischer Beweis, dass hier nicht, wie optimistische Plattheit es gern behauptet, eine Verschrobenheit und Verrücktheit der Gesinnung, sondern eine wesentliche ... Seite der menschlichen Natur sich ausspricht.“
(Arthur Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung, Band 1)
(Schopenhauer 1972a, S. 460)

„Als ich zum ersten Mal ... ein kleines Buch mit einigen von Meister Eckharts Predigten las, beeindruckten diese mich tief, denn ich hatte niemals erwartet, dass irgendein christlicher Denker — gleich, ob alt oder modern — solch kühne Gedanken hegen würde, wie sie in diesen Predigten ausgesprochen wurden. Wenn ich mich auch nicht erinnere, welche Predigten das kleine Buch enthielt, so weiß ich doch: die darin geäußerten Gedanken waren buddhistischen Vorstellungen so nahe, dass man sie fast mit Bestimmtheit als Ausfluss buddhistischer Spekulation hätte bezeichnen können. Soweit ich es beurteilen kann, scheint mir Eckhart ein ungewöhnlicher „Christ“ zu sein.“
(D.T. Suzuki)
(Suzuki 1957, S. 13)